Virtueller Ortsrundgang

von Dr. Carsten Persner

Die Bürgervereinigung „Menschen für Grötzingen e.V.“ hat seit 2018 erfolgreich zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen verwirklicht, die von der Grötzinger Bevölkerung sehr positiv angenommen wurden. 

 

Auch die geplante Veranstaltung am 25. Juli konnte nicht stattfinden. Dr. Carsten Persner wollte auf einem Ortsrundgang der etwas anderen Art durch Grötzingen auf Besonderheiten aus der Ortsgeschichte hinweisen und in Bezug zum heutigen Ortsbild setzen. Vorgesehen war, auf dem Weg durch Grötzingen an mehreren Stationen spannende Fragen zu stellen und in Bezug zur Geschichte und Topographie zu setzen. Da nicht abzusehen ist, wann die Veranstaltung nachgeholt werden kann, erfolgen die Veröffentlichungen in Grötzingen Aktuell als „virtueller Rundgang“.

Teil 1: Die besondere Lage von Grötzingen und der Zusammenhang mit der heutigen Straßenführung

Warum befindet sich Grötzingen an dieser Stelle? Warum gibt es den Baggersee und die Hohlwege?

Betrachtet man die topographische Karte der Umgebung von Grötzingen, wird auf einen Blick klar, warum diese Stelle schon früh besiedelt wurde. Vereinzelte Funde aus der Bronzezeit um 2000 v.Chr. und der La-Tène Zeit belegen Verbindungen zu Siedlungen nördlich von Weingarten bis in den Bruchsaler Raum.

 

rechts: Typische Fläche der Hochterrassen unterhalb des Silzberges (Foto: Verfasser)

 

 


Verkehrsgünstig am Ausgang vom Pfinztal in die Rheinebene gelegen, war die Stelle ein Kreuzungspunkt von Verkehrswegen und ein Bindeglied zwischen dem nördlichsten Ausläufer des Schwarzwaldes (Turmberg) und Beginn des Kraichgaus (Knittelberg). Schon in vorrömischer Zeit war das Pfinztal die Ost-West-Verbindung Richtung Pforzheim und weiter Richtung Alb und Schwarzwald. Die Hochterrasse am Rande des Rheintals bildete vermutlich ebenfalls bereits in vorhistorischer Zeit einen Teil der Nord-Süd Verkehrsverbindung.

 

Als siedlungsgünstig haben sich die Lössterrassen oberhalb des Ortes und auf der Hochterrasse erwiesen, ebenso wie die Niederungen im Bruchwald, die ertragreiche Land- und Forstwirtschaft sowie Viehzucht ermöglichten.

links: Typischer Hohlweg am Grollenberg (Foto: Verfasser)

 

 

Die Lössflächen sind ein Ergebnis der letzten Eiszeit. Durch Ablagerungen von Lössstaub entstanden fruchtbare Flächen oberhalb der Kalksteinsedimentschichten. Durch den landwirtschaftlichen Verkehr mit Ochsenfuhrwerken von den Siedlungen unterhalb wurden über die Jahrhunderte die Hohlwege geschaffen, die sich durch Wind und Wetter jedes Jahr tiefer eingegraben haben. Diese typischen Formationen finden sich im gesamten Kraichgau, vor allem in Richtung der Flusstäler.

 

Der Buntsandstein unter den Lössschichten hat ebenfalls schon früh wirtschaftliche Bedeutung erhalten. Nicht nur viele Häuser in Grötzingen sind durch den roten Stein geprägt, der in Torbögen und Kellergeschossen verbaut ist. Auch Durlach und Karlsruhe wurde aus den zahlreichen Steinbrüchen mit Material versorgt, das über den eigens ausgebauten Flossgraben vor allem im 17. und 18. Jahrhundert verschifft wurde.

Die Nutzung der Bruch-Niederung lässt sich mindestens bis in römische Zeit zurückverfolgen. Westlich der römischen Nord-Süd Straße finden sich Siedlungsspuren wie z.B. die Villa Rustica in Durlach oder Reste eines Badehauses im Stalbühl. Streng genommen liegt diese Niederung zwar im Rheintal, bildet aber die Kinzig-Murg Rinne. Diese Flüsse entwässerten nach der Eiszeit in Richtung Norden parallel zum Rhein. Das Gelände ist deshalb geprägt von sumpfigem, feuchten Untergrund und musste für den Ackerbau durch Kanäle entwässert werden. Dies ist aber auch der Grund für die vielen Baggerseen zum Kiesabbau entlang der Rinne, neben dem Grötzinger Baggersee z.B. der Weingartener oder Untergrombacher See.

links: Topographiekarte Ausgang Pfinztal: Kinzig-Murg-Rinne (blau), historische Wegführungen (rot), hochwassersichere Lössterrassen (schwarz umrandet), Hohlwege (hellgrün)

 

(Plan: Stadt Karlsruhe, Liegenschaftsamt; Bearbeitung: Verfasser)

 

 

 

Wie ist die heutige Straßenführung im Ort entstanden?

Eng verknüpft mit der geographische Situation ist die Verkehrsführung in Grötzingen. Wie schon erwähnt verlief die Ost-West Verbindung durch das Pfinztal. Von Ettlingen kommend auf der heutigen B3 durch Durlach zweigte die Straße nach Osten über den Augustenberg auf die Staigstraße Richtung Pforzheim ab. An deren Ende mündete sie in die Augustenburgstraße / B10, die dem früheren Verlauf weiter folgt. Die Augustenburgstraße in ihrer heutigen Form gibt es erst seit 1875. Sie hieß anfangs einfach die „Nei Schtroß“ bis sie 1898 in Kaiserstraße umbenannt wurde. Der Abzweig von Durlach kommend folgte in etwa dem heutigen Radweg bis zur Verbindung der B10. Diese einfach zu fahrende Verbindung ließ auf sich warten, weil das Gelände unterhalb von Schloss Augustenburg lange sumpfig war („Schwanenwiesen“) und nur über einen Bohlensteg als Zufahrt zum Schloss erschlossen wurde.

Die Nord-Süd Verbindung war wie oben beschrieben an der Hochterrasse orientiert, da unterhalb die sumpfigen Niederungen lagen. Die römische Bergstraße, deren Verlauf die B3 heute noch meist folgt, nahm bis zum Schloss Augustenburg den gleichen Verlauf wie die Ost-West Trasse. Ab hier sind zwei Straßenführungen möglich. Die steile Variante verlief die Kirchstraße hinunter über die Pfinzwiesen durch eine Furt am Rathausplatz oder über eine Furt am heutigen Martin-Luther-Platz, die Mühlstraße entlang zum Rathausplatz und weiter bis zum Laubplatz. Eine zweite Variante mit geringerer Steigung und für schwerbeladene Ochsenkarren besser geeignet, könnte der Staigstraße bis zum Ende gefolgt sein. Nach Überquerung der Augustenburgstraße wäre sie dann über eine Furt bei der heutigen Oberausbrücke die Friedrichstraße aufwärts bis Laubplatz verlaufen. Von dort folgte die römische Straße höchstwahrscheinlich der Weingartener Straße, bis diese auf die B3 trifft.

Die von der Weingartener Str. abzweigende Bruchwaldstraße diente den Grötzingern als Zufahrt zu den Feldern, Wiesen und Wäldern im Bruchwald. Sie war aber vermutlich schon in römischer Zeit die Verbindung in Richtung Hagsfeld und weiter Richtung Rhein.

 

So prägen jahrhundertealte Verkehrswege noch heute das Straßenbild von Grötzingen. Erst nach dem zweiten Weltkrieg wurden durch das Wachstum des Ortes und die Verkehrszunahme neue Baumaßnahmen nötig, die den Verkehr aus den Ortskern führen sollten. Doch das ist eine andere Geschichte.

Teil 2: Grötzingen als Großmutter von Karlsruhe und wie sich der Ort entwickelt hat

 

Warum gilt Grötzingen als Großmutter von Karlsruhe und hat einen Turm im Ortswappen?

Grötzingen wurde erstmals im Jahr 991 urkundlich als Ort im Besitz des Klosters Weißenburg erwähnt. Es ist jedoch anzunehmen, dass die erste Besiedlung durch Alemannen und Franken bereits im 6. Jhdt. erfolgte, wie Grabfunde rund um den Laubplatz belegen. Die Namensendung -ingen (im Sinne „zugehörig zu den Leuten des …“) belegt, dass das Dorf älter als die umliegenden Orte sein muss und die Besiedlung von Grötzingen aus erfolgte. Die Gemarkung erstreckte sich wahrscheinlich bis Ettlingen im Süden, Hagsfeld im Westen und Weingarten im Norden und schloss den Turmberg ein.

Die Grafen von Hohenberg wurden um 1100 als Lehensträger erwähnt, danach als Grafen von Greccingen benannt. Das Geschlecht ist allerdings schon mit dem Tod von Graf Heinrich auf dem Kreuzzug 1190 ausgestorben. In der Folge wurde die Gemarkung an verschiedene Lehensnehmer verteilt. Diese Zersplitterung ist noch im Gemarkungsplan von 1794 abzulesen, wo sich verschiedene „Enklaven“ im Plan abzeichnen.

Staufische Herrscher gründeten um 1200 Durlach, seitdem gehört der Turmberg zu Durlach. Danach stellt Grötzingen nur noch eine kleine dörfliche Gemeinschaft dar, deren Herrschaft seit dem 13. Jahrhundert die Markgrafen von Baden waren. Bis in das 16. Jahrhundert entwickelte sich Grötzingen trotzdem zu einem wohlhabenden Flecken.

Das Ortswappen von Grötzingen ziert jedoch schon seit den frühesten Darstellungen im 14. und 15. Jahrhundert der markante Turm. Vermutlich liegen die Ursprünge in der Darstellung des Turmbergs im Wappen der Grafen von Hohenberg.

 

Somit kann Grötzingen aus gutem Grund behaupten, die Mutter von Durlach und Großmutter von Karlsruhe zu sein.

rechts: Der Gemarkungsplan von Grötzingen 1794 zeigt die Zersplitterung der Flächen (Karte: Generallandesarchiv Karlsruhe)

 

Wie hat sich die Infrastruktur in Grötzingen entwickelt?

 

Grötzingen war über Jahrhunderte bäuerlich geprägt. Frondienste und -abgaben bestimmten den Alltag. So entwickelte sich die Anzahl der Einwohner nur langsam von 300 Personen um das Jahr 1000 auf 600 um das Jahr 1600. Nach einem Bevölkerungseinbruch während des 30-jährigen Krieges auf nur noch 65 Erwachsene begann ein Aufschwung, der bis Ende des 20. Jahrhunderts anhielt. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts wurden schon über eintausend Personen gezählt. Mit knapp 9500 Bewohnern nach der Jahrtausendwende wurde der Höhepunkt erreicht.

 


Der Aufschwung ging einher mit den ersten Schritten der Industrialisierung. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gab es durch die Förderung der Markgrafen mit der Krappmühle an der Ecke Staig-/Kirchstraße den ersten industriellen Betrieb. Im 19 Jahrhundert kamen dann immer mehr Unternehmen nach Grötzingen, so z.B. das Eisenwerk Fießler (später „Grebau“, auf dem Gelände heutige Begegnungsstätte und Wohngebiet), die Deutsche Metallpatronenfabrik (später IWKA; heutiges Wohngebiet Speitel) oder die Fa. Herrmann (heute Lidl- und Edekagelände, Haus Pamina). Viele Grötzinger verdienten seit dieser Zeit ihren Unterhalt auch als Arbeiter in Durlach, wie z.B. bei der Nähmaschinenfabrik Gritzner. Erst ab 1970 verschwanden die Produktionsstätten aus dem Ort mit der Eröffnung des Gewerbegebietes Roßweid.

Der Wandel von der Bauern- zur Industriegemeinde erhöhte die Personenzahl auf über dreitausend um 1900. Dies hatte Auswirkungen auf die Infrastruktur. Gab es im Jahr 1762 fünf Gasthäuser, konnte Grötzingen im Jahr 1900 zwanzig Gasthäuser und vier Brauereien aufweisen. Es gab etwa ein Dutzend Bäckereien und Dutzende Einzelhändler für eine Vollversorgung im Ort.

 

Kaum vorstellbar, dass wir heute bei dreifacher Personenzahl weniger als fünf Restaurants (einschließlich Vereinsheimen) und neben zwei Supermärkten nur noch wenige Einzelhändler aufweisen können.

links: Entwicklung der Bevölkerungszahl in Grötzingen (Grafik: Verfasser)

 

 

Quellen: Wilhelm Mössinger, Grötzingen (1965); Susanne Asche, Eintausend Jahre Grötzingen (1991)

Teil 3: Die Entwicklung im Kirchviertel und an der B10

 

Was ist das Besondere am Kirchviertel?

 

Über die städtebauliche Entwicklung im Kirchviertel wird zur Zeit viel diskutiert. Dies betrifft vor allem den Umbau bzw. Teilabriss von Schloss Augustenburg, die neu gebaute Bibliothek und die weitere Nutzung nach dem Abriss des Schwanen. Hier bewegt man sich immer auf historischem Grund.

 

links: Die aktuelle Ansicht des Kirchviertels lässt wenig von der historischen Bedeutung erahnen (Foto: Verfasser)

 

Das Kirchviertel ist wahrscheinlich einer von zwei Siedlungspunkten im 6. Jahrhundert rechts und links der Pfinz (der nördliche befand sich wohl beim heutigen Laubplatz) mit einer ersten Kapelle am Ort der evangelischen Kirche. Schon früh wurde dieser Bezirk markgräfliches Gelände. Es erstreckte sich südlich der heutigen B10 bis zum Luisenhof und westlich der Kirche mit Augustenberg bis zur heutigen B3 (s. rosa markierte Bereiche auf der Karte). Der Vorgängerbau des heutigen Schlosses diente lange Zeit als Pfründhaus für die Abgabe des Zehnten an die Klosterherren. Die weitere Geschichte des Schlosses wurde bereits eingehend in Grötzingen Aktuell dargestellt, deshalb nur in Kürze die Entwicklung.

 

Markgraf Christoph I. baute dort um 1500 das „Hohe Haus“ und vergrößerte die Kirche auf ihre heutige Form. Markgraf Karl II. hob 1556 die Pfründe auf und zog 1565 von Pforzheim nach Durlach. Er richtete die evangelische Pfarrei ein und legte 1564/76 die Basis der heutigen Schlossansicht mit zwei Türmen. Der endgültige Ausbau erfolgte durch Markgräfin Augusta 1681-99. Im pfälzischen Erbfolgekrieg erfolgte glücklicherweise keine Zerstörung von Kirche und Schloss. Es konnte daher von 1697-99 Markgraf Friedrich Magnus als Residenz dienen, bis das Durlacher Schloss wieder hergestellt war. Bis zu ihrem Tod 1729 wohnte Markgräfin Augusta weiter im Schloss. Danach begann der Zerfall, bis in den 1960er Jahren sogar der Abriss möglich schien. Erst Anfang der 1970er Jahre wurde mit dem Ausbau zu einem Altenheim eine Lösung gefunden.

 

 

Doch bereits nach dem zweiten Weltkrieg wandelte sich das Bild des Kirchviertels. Aus der damaligen Wohnungsnot heraus wurden Anfang der 1950er Jahre auf den Schwanenwiesen am Ortseingang Wohnblöcke der Grötzinger Baugenossenschaft errichtet. Der alte Friedhof hinter der evangelischen Kirche zwischen Pfarrhaus und der Kampmannstraße wurde 1948 umgelegt und dort das Gebäude der „Heinrich-Dietrich-Schule“ errichtet und 1957 eingeweiht. Schließlich mussten Anfang der 1970er Jahre die alten Häuser unterhalb des Schulgeländes den Neubauten der Turnhalle (1972) und des Schwimmbades (1974) weichen. Man sieht also, dass das Kirchviertel schon immer dem Wandel der Zeit folgen musste.

rechts: Ausschnitt Kirchviertel vom Ortsgrundriss und Herrschaft in Grötzingen von 1762 (Privatgebäude (braun),  herrschaftlich (rosa), kirchlich (blau)) und heutige Bebauung im Hintergrund (Katasterplan

 

1762: Historischer Atlas von Baden-Württemberg)

 


Wie hat sich die Verkehrssituation im Kirchviertel entwickelt?

 

Wie schon im ersten Teil dieser Serie berichtet, ist die Verkehrsführung in Grötzingen eng verknüpft mit der geographische Situation. Die Ost-West Verbindung durch das Pfinztal spielte immer eine wichtige Rolle. Ursprünglich folgte der Weg von Durlach kommend auf der heutigen B3 mit dem Abzweig am Friedhof Durlach der Staigstraße nach Osten über den Augustenberg. Vor dem 17. Jahrhundert war die Straße auf Höhe des Schlosses jedoch noch steiler als heute. Erst Markgräfin Augusta ließ sie mit dem Bau der noch heute vorhandenen Staigstraßenbrücke abflachen. An deren Ende mündete sie in die Augustenburgstraße / B10, die Richtung Berghausen führt.

links: Die Staigbrücke von Markgräfin Augusta dient auch nach 300 Jahren noch dem Verkehr (Foto: Verfasser)

 

Die Augustenburgstraße in ihrer heutigen Form gibt es erst seit 1875. Sie hieß anfangs einfach die „Nei Schtroß“ bis sie 1898 in Kaiserstraße umbenannt wurde. Der Abzweig von Durlach kommend folgte in etwa dem heutigen Radweg bis zur Verbindung der B10. Diese einfach zu fahrende Verbindung ließ auf sich warten, weil das Gelände unterhalb von Schloss Augustenburg lange sumpfig war („Schwanenwiesen“) und nur über einen Bohlensteg als Zufahrt zum Schloss erschlossen wurde.

 

Die Augustenburgstraße in ihrer heutigen Form gibt es erst seit 1875. Sie hieß anfangs einfach die „Nei Schtroß“ bis sie 1898 in Kaiserstraße umbenannt wurde. Der Abzweig von Durlach kommend folgte in etwa dem heutigen Radweg bis zur Verbindung der B10. Diese einfach zu fahrende Verbindung ließ auf sich warten, weil das Gelände unterhalb von Schloss Augustenburg lange sumpfig war („Schwanenwiesen“) und nur über einen Bohlensteg als Zufahrt zum Schloss erschlossen wurde.

links: Das fehlende Stück der Fußgängerbrücke über die Augustenburgstraße bis zum Schulhof ist gut zu erkennen. (Foto: Verfasser)

 

Der Bau des B10 Tunnels (1996-99) brachte zwar eine generelle Verkehrsentlastung auf der Augustenburgstraße. Im abendlichen Berufsverkehr ist davon jedoch nicht viel zu spüren, so dass die Fußgängerbrücke mehr Sicherheit verspricht.

Nach der Stadtbahnanbindung Mitte der 90er Jahre nahm auch der Schienenverkehr zu und der oberirdische Bahnübergang wurde durch eine Bahnunterführung ersetzt, die für den Verkehr eine deutliche Erleichterung brachte.

Auch zukünftig ist Vieles in Bewegung. Der Abriss des Schwanen und der Rückseite vom Schloss Augustenburg sind vollzogen. Die Neubauten werden das Erscheinungsbild wohl erneut verändern.

 

Quellen: Wilhelm Mössinger, Grötzingen (1965); Susanne Asche, Eintausend Jahre Grötzingen (1991)

Teil 4: Prominente Plätze in Grötzingen

 

Warum gibt es am Rathaus Hochwassermarken und was hat das mit dem Niddaplatz zu tun?

 

Die Pfinz floss ursprünglich in der Mühlstraße vor dem Rathausplatz vorbei. Auf dem heutigem Parkplatz am Niddaplatz lag das Gasthaus zur Kanne mit dahinterliegendem Kannegarten, umflossen von der Pfinz. An der Ecke der heutigen Sparkasse floss auch noch der Mühlkanal (Straße „An der Pfinz“) in die Pfinz. Am Ende der Büchelbergstr. lag die Rathausbrücke über die Pfinz.

Bild links oben: Ortsplan von 1965 mit dem heutigen Pfinzverlauf (blau), dem früheren Verlauf (türkis) und dem ehemaligen Gasthaus Kanne (pink) (Plan: Stadt Karlsruhe, Liegenschaftsamt; Bearbeitung: Verfasser)

Bild mitte oben: Die Hochwassermarken am Rathaus zeigen, wie gewaltig die Überschwemmungen waren (Foto: Verfasser)

 

Bild rechts oben: Blick vom Niddaplatz zum Rathausplatz mit Fotomontage der historischen Pfinzbrücke (Foto und Bearbeitung: Verfasser)

 

Wie auf dem Bild mit der Rathausbrücke zu sehen ist, floss die Pfinz nur wenig unterhalb vom Rathausplatz, der tiefsten Stelle im Ortskern. Zudem verläuft unter dem Rathaus noch eine Quelle, die früher direkt neben der Pfinzbrücke entwässert hat (der Auslass ist auf dem Bild zu sehen). So ist es nicht verwunderlich, dass das Rathaus nicht unterkellert ist und bei Hochwasser oft nasse Füße bekam.

 

Erst durch die Pfinzbegradigung, die in den 1930er Jahren begonnen und nach dem zweiten Weltkrieg als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme beendet wurde, bekam die Pfinz ihr heutiges Bett im ehemaligen Floßgraben. Zwar wurde der Pfinz-Entlastungskanal schon 1934-1940 bis zum Hühnerlochwehr angelegt, der kurvenreiche Verlauf über die Mühlstraße wurde jedoch erst nach 1945 zugeschüttet und die durch den Krieg beschädigte Brücke am Rathaus abgerissen.

 

Warum gibt es den Laubplatz?

 

Wer heute über den Laubplatz geht, nimmt ihn eher als eine Straßenverzweigung wahr. Früher war hier jedoch der zentrale Platz für Grötzingen. Verkehrstechnisch günstig gelegen diente er als Marktplatz und nicht wie man vermuten könnte der Rathausplatz. An diesem Punkt trafen sich die Straßen aus dem Norden (Weingartener Str. und Bruchwaldstr.), aus dem Pfinztal (über die Friedrichstr.) und aus dem Süden (über das Kirchviertel und den Rathausplatz). Schon im 15. Jahrhundert wurde er auch als Festplatz für die Kerwe erwähnt.

 

links: Der Laubplatz (grün) war einst zentraler Treffpunk der Grötzinger Bevölkerung und ein Knotenpunkt der Verkehrswege (rot) (Plan: Stadt Karlsruhe, Liegenschaftsamt; Bearbeitung: Verfasser)

 

Seine frühe Bezeichnung als Kelterplatz deutet schon auf ein wichtiges Gebäude hin, die herrschaftliche Kelter. Nach Aufhebung der Herrschaft diente sie ab 1859 als erstes Feuerwehrhaus. An ihrer Stelle wurde nach dem zweiten Weltkrieg das alte Feuerwehrhaus errichtet. Daneben stand das Gasthaus zum Laub. Nach seinem Abriss wurde dort 1975 das neue Feuerwehrhaus eingeweiht.

 

Heutige Situation am Laubplatz: links das alte Feuerwehrgebäude am Ort der Kelter und rechts das neue Gebäude anstelle vom Laub (Foto: Verfasser)

Die gesamte Nordseite des Platzes nahm das Zehnthaus ein. Nach Abschaffung des Zehnten 1839 wurde das Gebäude als Gasthaus Linde genutzt. Nach den Zerstörungen des zweiten Weltkrieges blieb nur der Gewölbekeller unter der Freifläche vor dem heutigen Gasthaus übrig.

 

Das dritte Gasthaus am Marktplatz, wie der Platz seit Ende des 18. Jahrhunderts hieß, war der Ochsen, der bis 2007 betrieben wurde. Dessen Historie geht bis 1575 zurück.


Das Umfeld des Laubplatzes stellt wohl auch einen der frühesten Siedlungspunkte dar, wie Gräber aus der Merowingerzeit an der Hangseite belegen. Zudem wurde im Hof des Ochsen das älteste Haus von Karlsruhe ausgegraben, ein Grubenhaus aus dem siebten Jahrhundert.

Dies war der letzte Teil des etwas anderen Ortsrundgangs. Es gäbe natürlich noch viel mehr zu erzählen. Wer den historischen Rundgang im Detail entdecken möchte, sollte auf die Webseite www.76229.de schauen.

 

Quellen: Wilhelm Mössinger, Grötzingen (1965); Susanne Asche, Eintausend Jahre Grötzingen (1991)